Verantwortlich: Annik Bächinger
Bereitgestellt: 01.07.2022

Die enorme Dynamik der Klimaerwärmung Sorge tragen zur Schöpfung: Was können wir für den Klimaschutz

Haus in Lüscherz vom Bielerseewasser überschwemmt, 15.7.21 (Foto: Ueli von Känel)
Gerne erinnere ich mich an den schönen Fotoausflug am 20. Juni des letzten Jahres durchs Naherholungsgebiet nach Ottiswil. Wunderbar präsentierte sich die sonnenbeschienene Landschaft mit der goldgelb leuchtenden Gerste. Vom Rand des Getreidefeldes her leuchtete mir zudem eine feuerrote Mohnblume entgegen. Flauschige kleine Wolken, von einer Südwestströmung getragen, schwebten über mich hinweg. Das alles brachte mich wieder zum Staunen, wie in der Schöpfung alles so gut eingerichtet ist, dass wir hier oder überhaupt auf dieser Welt leben und uns über vieles freuen können.
Das ist damit gemeint, wenn wir im 1. Mose 1, 31 lesen: Und Gott sah, dass es sehr gut war (die Schöpfung); gut eingerichtet; schon «nur» dass der Abstand der Sonne zur Erde ideal ist.
So viel Gutes der Mensch auch zu tun vermag, so hat er aber auch seine Schattenseiten.
So viele Errungenschaften die grosse Industrialisierung auch gebracht hat, so hat sie auch negative Seiten. Eine davon ist die Klimaerwärmung. Fast in keinem Bereich der Forschung sind sich Wissenschaftler so einig wie hier: Die Klimaerwärmung ist zu einem guten Teil menschengemacht. Zu 60% von allen klimaschädlichen Emissionen ist das CO2 für den Temperaturanstieg verantwortlich: Treibhauseffekt; es wird weniger Wärme in den Weltraum zurückgestrahlt, als zur Erde gelangt ist = Wärmeüberschuss.
Seit dem systematischen Messbeginn 1864 ist es in der Schweiz im Durchschnitt gegen 2 Grad, in der Arktis sogar 3 – 4 Grad wärmer geworden. Nun, würden wir gerne sagen: Die Arktis aber geht uns wettermässig doch kaum etwas an, so weit weg, oder? Die Antwort jedoch lautet: Und WIE sie uns beeinflusst! Sie haben sicher schon vom Jetstream oder Polarstrom über Europa gehört, oft zwischen 40-65 Grad nördliche Breite (Haupt-Jetstream). Es ist der Polarstrom, der durch die Kollision von warmer Luft aus Südwesten und kalten Luftmassen aus Nordosten entsteht und sich schnell von West nach Ost bewegt; in diesem sind die Tiefdruckgebiete eingelagert. Da sich die Polregionen stärker erwärmt haben als die südlich Angrenzenden, ist das Luftdruckgefälle Nord-Süd und sind damit die Windgeschwindigkeiten im Strom teilweise kleiner geworden. Damit franst der Jetstream zum Teil aus. Es bilden sich z. B. Kaltlufttropfen, die sich loslösen vom Haupt-Jetstream und zu uns nach Mitteleuropa gelangen und ein «Eigenleben» zu führen beginnen, das gefährlich sein kann, so wie am 15/16. Juli 2021, als der Bielersee über das Ufer trat. Der damalige Kaltlufttropfen war wie ein «Dynamo» an Ort: Die warme Luft wurde von unten unter rascher Abkühlung und Kondensierung (Tropfenbildung) in die unterkühlte hohe Luftschicht gedrückt; es bildete sich andauernder und heftiger Niederschlag aus. Dieser Kreislauf blieb lange an Ort und Stelle und wurde kaum in einer Strömung weitergetragen. Das war das Gefährliche.
Und: Es blieb nicht bei diesem 15. und 16. Juli; vorher und nachher gab es in der Schweiz zahlreiche Unwetter. Und diese zogen sich durch den ganzen Juli hindurch. Ich selber erlebte so etwas noch nie! D.h. der Verlauf der Grosswetterlagen hat sich verändert. Wir waren noch glimpflich davongekommen. Was fast gleichzeitig in Deutschland geschah, haben wir noch in Erinnerung. Allein in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen starben mehr als 160 Menschen infolge der Überschwemmungen.

Ja, was können wir Menschen tun?
Zunächst: Dass wir von Menschenhand den weiteren Temperaturanstieg, der aller Wahrscheinlichkeit nach kommen wird, richtiggehend stoppen können, ist wohl kaum möglich.
Aber jedes Zehntelgrad weniger Temperaturzunahme ist wichtig! Die nachfolgenden Generationen werden es uns danken. Eingeschlossen die übrigen Geschöpfe.

Jetzt noch wieder konkret zu dem, was wir tun können: Es werden schon in verschiedenen Bereichen Anstrengungen unternommen, auch privat, was lobenswert ist.
Aber nach meiner Wahrnehmung hat noch nicht so ein richtiger Ruck Richtung Klimaschutzmassnahmen eingesetzt. Wir sind halt «Gewohnheitstiere», und ungern geben die meisten von «Errungenem» (Materiellem) wieder etwas her. Aber es ist wohl so etwas nötig wie eine «Töschuwa», eine Umkehr, wie der biblische Begriff heisst: Es gibt sie bereits ansatzweise: Schön ist, wenn ich Familien sehe, die mit den Kindern in den Wald spielen gehen und sie die Vielfalt der Schöpfung entdecken lassen, schätzen und bewahren lehren.
Den Sonntag im Naherholungsgebiet zu verbringen, ist doch auch sehr schön. Bei Reisen müssen es nicht immer die Malediven, Bali oder die dominikanischen Inseln sein. Reisen, Ausflüge unternehmen, ja, aber bewusster und mit gutem Mass, das wir der Umwelt und indirekt schon Nachkommenden zumuten.
Die Politik ist ebenso gefordert. Es braucht wohl eine Oeko-Bewegung, die nicht gratis ist und deren Vorlagen sorgfältig von Fachleuten vorbereitet und hoffentlich vom Stimmbürger getragen werden. Die Zeiten des politischen Rechts-Links-Gerangels sollte einem mehr Miteinander weichen, das – für recht viele ein verpönter Begriff, weil er nicht in das Korsett des Ich-Mäntelchen passt – Solidarität heisst.
Der Solidaritätsbegriff kommt auch davon, dass wir dankbar sein können, dass wir Teil dieser Schöpfung sein dürfen und uns so viel Schönes zum Leben geschenkt wurde und wird. Es gibt eine wunderbare, aber nicht nur bequeme Bibelstelle, 1. Mose 2,15, wo es dem Sinn nach heisst: Gott setzte den Menschen in einen Garten, dass er ihn bebaue und bewahre. Die erste Aufgabe haben wir kräftigst erfüllt, nun folgt die Zweite, die mindestens so wichtig ist. Diese ist lange nicht nur beschwerlich; sie hilft uns die Augen neu für die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung zu öffnen.

Ueli von Känel, Pfarrer