Zum Jahresbeginn

L1000897 (Foto: Rahel Vögeli- Siegenthaler)
Liebe Gemeinde
Nach meinem sechsmonatigen Sabbatical kehre ich am 1. Januar 2023 ins Pfarramt zurück und darf mit Ihnen ein neues Jahr willkommen heissen.
Ich hoffe, dass Sie aus etlichen vergangenen bereichernden Erlebnissen und Erfahrungen Kraft schöpfen dürfen und dass Sie darum mit viel Schwung und Freude ins 2023 blicken. Bestimmt gab es auch schmerzhafte Phasen, Zeiten des Abschieds und des Suchens nach einem Neubeginn. Möge Ihnen in solchen Lebensabschnitten immer wieder die nötige Zuversicht geschenkt werden, damit Sie aufblicken und das Leben neu schätzen können. In Freude und im Leid sind wir aufeinander angewiesen, um Freude zu teilen und damit wir im Leid nicht untergehen.
«Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will» schrieb der evangelische Theologe, Arzt und Philosoph Albert Schweitzer (1875-1965). Die enge Verbundenheit zwischen uns Menschen und allem was lebt und leben will, wird uns immer stärker bewusst. Die offensichtlichen Auswirkungen des tragischen Krieges in der Ukraine, die Coronakrise, die spürbaren Folgen der Klimakatastrophe wie Dürre, Wassermangel, Arten- und Waldsterben etc. verdeutlichen unsere Abhängigkeit voneinander. Diese Auswirkungen halten uns vor Augen, dass wir nicht unabhängig voneinander unser Leben leben können, sondern nur indem wir anderes Leben respektieren und ihm mit Ehrfurcht begegnen. Das Streben nach Alleinherrschaft, Profitmaximierung und Reichtum geschieht immer auf Kosten von anderem Leben, das benutzt und ausgebeutet wird, indem ihm die Lebensgrundlagen entzogen werden. Und dieser Weg führt letztlich alles Leben in eine Sackgasse.
Mit der biblischen Schöpfungserzählung (Gen 1,1-2,4a) versuchen Menschen in der damaligen Zeit den Beginn der Erde zu erklären. Innerhalb dieser Schöpfungserzählung wimmelt es voller Leben und Gott schloss nicht nur einen Bund mit seiner Schöpfung, sondern er schuf sie zu einem Verbund, zu einer Gemeinschaft. Kein Geschöpf wurde bloss zum Nutzen oder sogar zur Ausbeutung geschaffen, sondern zu einem würdevollen Leben, das leben will, inmitten von Leben, das anderes Leben nicht beherrschen, sondern respektieren soll. Der Mensch ist in der Schöpfungserzählung kein autonomes tabulos schaltendes und waltendes Subjekt. Er ist hier auch nicht «Die Krone der Schöpfung», um derentwillen alle anderen Lebewesen nur existieren würden. Vielmehr ist der Mensch von Gott beauftragt worden, Verantwortung zu übernehmen, Leben zu erhalten und so das ökologische Gleichgewicht nicht zu kippen. Am Höchsten steht aber auch nach der Erschaffung des Menschen noch immer Gott.
Mein halbjähriges Engagement auf einem Lebenshof für Tiere mit Verletzungen und Traumata wegen Misshandlungen oder als Folge der erschütternden und beschämenden Überzüchtungen und Missstände in riesigen Massentierhaltungsbetrieben führte mich in das vor allem philosophische Gebiet der Tierethik. Diese behandelt natürlich, mit sehr kritischem Blick auf die weltweite intensive Nutztierhaltung, auch klimabedingte Bedrohungen, die ich dann als Freiwillige «Forstarbeiterin» in einem wöchigen Bergwaldprojekt anhand des abnehmenden und sich verändernden Baumbestandes kennenlernte. Auf dem Lebenshof durfte ich mit vielen Tierpersönlichkeiten Freundschaften schliessen, deren Leben kurz nach der Geburt (nach 35 Tagen bei Masthühnern, 6 Monaten bei Schweinen oder 1,5 Jahren bei Legehennen) beendet worden wäre. Ein tiefer Blick in ihre Augen verrät mir, dass in jedem Tier jemand zu Hause ist, ein Leben, das leben will, auf dem Lebenshof Gott sei Dank inmitten von Leben, das alles andere Leben schützt. Und auch das Leben der Wälder geschieht in einem erstaunlichen Zusammenspiel. Wir wissen noch lange nicht alles, aber unsere Erkenntnis und Erfahrung reichen, um zur Vernunft, Verantwortung und zur Gerechtigkeit umzukehren. Auch aus theologischer Sicht sind wir also alle voneinander abhängig, weil wir in Verbundenheit geschaffen worden sind und jedes von Gott geschaffene Leben leben will, inmitten von Leben, das leben will.
In Dankbarkeit für dieses wertvolle und eindrückliche Sabbatical und dafür, dass ich mich auf viele bereichernde Begegnungen und Augenblicke mit Ihnen freuen darf, wünsche ich Ihnen allen ein gesundes und gesegnetes neues Jahr.
Pfarrerin Rahel Vögeli-Siegenthaler