Verantwortlich: Annik Bächinger
Bereitgestellt: 13.07.2022

Gedanken von Pfarrer Simon Taverna, Möglichkeiten vorwegnehmen

Regenbogen der Hoffnung (Foto: Ueli von Känel)
Viele Menschen – ich zähle mich auch dazu – verlassen sich gerne auf ihre Erfahrungen, um das, was noch werden könnte, zu erahnen.
Eine Frau vertraute mir an, sie habe Mühe, vor Leuten etwas vorzutragen, obwohl sie eine offene und mitteilsame Person sei.
Und tatsächlich hatte sie diesbezüglich negative Erfahrungen gemacht. Während einem Vortrag war sie ins Stocken geraten und hatte aus Nervosität mehrmals den Faden verloren.
Wenn diese Frau das nächste Mal etwas vor anderen sagen muss, dann erinnert sie sich vermutlich an die negativen Erfahrungen und denkt: «es wird mir wieder so passieren!»

Dass dies nicht zwangsläufig sein muss, wissen wir alle. Und trotzdem verlassen wir uns halt gerne auf unsere Erfahrungen, wie negativ sie auch immer sein mögen, um uns das auszumalen, was vor uns liegt.

Visionärinnen und Visionäre hingegen blicken im Moment ihrer Vision offener in die Zukunft. In einer Vision «sehen» sie das, was mit körperlichen Sinnen eigentlich (noch) nicht wahrgenommen werden kann, und spüren, was noch nicht da ist, jedoch möglicherweise einmal Wirklichkeit werden könnte, zukünftige Möglichkeiten also.
Um Zukünftiges in Gedanken vorwegnehmen zu können, sind auch diese Menschen auf eigene Erfahrungen angewiesen; diese beruhen aber auf Vertrauen.

Um Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu zeigen, was ich damit meine, möchte ich die Geschichte eines biblischen Visionärs nacherzählen, und zwar die des Propheten Samuel.

Der Prophet Samuel hatte eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Er musste einen König für Israel finden. Gott hatte ihm offenbart, dass dieser König einer der Söhne Isais sei. Isai lebte in Bethlehem. Dort angekommen, schaute sich Samuel die Söhne von Isai der Reihe nach an.
Als Isais Sohn Eliab vor ihn trat, dachte Samuel, dies müsse der zukünftige König sein. Denn Eliab war ein grosser Mann und vermutlich auch einer, der Eindruck machte.

Doch in dem Moment, als Samuel Eliab auswählen wollte, intervenierte Gott und sprach:
«Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.» (1. Samuel 16,7).

Ich vermute, Samuel hatte sich, wie viele Menschen dies tun, auf seine eigenen negativen Erfahrungen verlassen wollen, um den zukünftigen König zu finden. Er kannte nur grobe, gestandene Typen als Könige der Welt. Vielleicht hatte er auch einen ganz bestimmten Typ Mensch vor Augen, als der grosse Eliab vor ihn hintrat.
Und bestimmt wäre Samuel bereit gewesen, seinen negativen Erfahrungen nachzugeben und einen solchen Typen, der ihm nicht gefallen konnte, zum König zu machen.

Zum Glück hatte er einen visionären Moment.
Gott wollte nämlich einen König für Israel, der anders ist; er wollte den deutlich jüngeren David.
Und Samuel vertraute Gott und machte schliesslich David zum König, und dies, obwohl er wusste, dass junge Anwärter wie David meist sehr schlechte Karten beim Spiel um den Thron hatten.
Ja, er vertraute Gott und schob all seine negativen Erfahrungen beiseite, die er in Zusammenhang mit Königen gemacht hatte. So durfte er der Zukunft offener entgegenblicken.
Und es war ihm vergönnt, einen kurzen Augenblick lang, am Blick Gottes teilzuhaben, an einem Blick, der alle Möglichkeiten sieht: auch die (noch) unsichtbaren.

Eine tolle Geschichte mit einem mutigen Visionär!

Ich wünsche mir für mich und alle Leserinnen und Leser, dass uns viele Visionen vergönnt sind, Blicke auf die Zukunft, die von Vertrauen geprägt sind.

Wir können zukünftige Möglichkeiten eben nicht «nur» mithilfe von mühevoll Gelerntem und anhand belasteter Erfahrungen vorausahnen, obwohl solches Denken durchaus seine Berechtigung hat.
Wir brauchen auch Visionen, damit wir die Möglichkeiten, die sich uns anbieten, schon heute in unseren Gedanken vorwegnehmen können.

Simon Taverna, Pfarrer