Nutze die Zeit

Herbstblätter (Foto: Franziska Jordi)
Oft verdrängen wir den Tod. Wir reden nicht gern darüber, und manchmal tun wir so, als ob der Tod nicht existiert.
Wir müssen den Tod doch auch nicht mehr fürchten, nicht täglich mit ihm rechnen. Wir werden immer älter, die Medizin wird immer besser. Wir scheinen dem Tod nicht mehr ausgeliefert zu sein wie in früheren Zeiten, als viele schon in jungen Jahren starben.
Der Tod ist nicht mehr so präsent in unserem täglichen Leben. Die grossen Leichenzüge, die einst durch die Strassen zogen, sind längst verschwunden. Viele Beerdigungen sind klein und unspektakulär. Oft finden sie im kleinen Kreis statt. Und oft nehmen wir es gar nicht wahr, dass wieder eine Beerdigung stattfindet. In der heutigen Zeit können wir den Tod sehr häufig verdrängen und sind nur selten direkt mit ihm konfrontiert.
Aber ist es wirklich gut, wenn wir den Tod verdrängen? Gott hat uns nur eine begrenzte Zeit hier auf dieser Welt gegeben. Und gerade der Gedanke, dass wir sterblich sind, dass wir nicht beliebig viel Zeit miteinander haben, kann wertvoll sein. Denn gerade dieser Gedanke macht uns erst richtig bewusst, wie wertvoll die Zeit ist, die wir haben. Wir müssen die Zeit, die wir miteinander haben, nutzen, es macht keinen Sinn alles auf morgen zu verschieben.
Vielleicht ist es gerade jetzt Zeit den Kontakt wieder neu zu suchen, den wir verloren haben: Wir haben einander aus den Augen verloren, doch früher hatten wir es wirklich schön zusammen, haben miteinander gelacht und diskutiert. Da gibt es so viele schöne Erinnerungen! Wäre es nicht schön, einander wieder zu treffen? Können wir nicht die alte Freundschaft wieder ganz neu beleben?
Und was ist mit dem Besuch, den wir nicht machen, weil wir keine Zeit haben? Haben wir wirklich keine Zeit? Oder hat ein kurzer Besuch nicht doch irgendwo Platz? Auch wenn dann das Haus nicht so sauber geputzt ist oder der Rasen nicht gemäht ist? Und hat nicht ein kurzes Telefongespräch, ein gemeinsames Kaffee mit der Nachbarin doch noch irgendwo Platz? Auch wenn wir sehr beschäftigt sind?
Gibt es etwas Wichtigeres als unsere Beziehungen zu den Menschen, die wir heute haben, mit denen wir heute zusammen sein können? Wissen wir doch nicht, was morgen ist.
Der Tod kann ganz plötzlich anklopfen, er kommt, wenn wir völlig unvorbereitet sind.
Das wird uns schmerzlich bewusst, wenn der Nachbar von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist. Oder wenn jemand schwer erkrankt, der doch noch «jung» und gesund war. Und der Tod auf einmal ganz nah ist.
Der Tod kann ganz plötzlich kommen, er klopft nicht immer erst an.
Und so ist es wichtig, dass wir uns jetzt besuchen, jetzt versöhnen und jetzt zusammen sind. Wenn der Tod dann vor der Tür steht, bleibt für das alles vielleicht gar keine Zeit.
Am Ewigkeitssonntag, wenn wir für unsere Verstorbenen Kerzen anzünden, steht der Tod in der Kirche für einmal ganz im Zentrum. Und ich denke, das ist ganz gut so. Macht es uns doch wieder einmal bewusst, wie wichtig es ist, dass wir die Zeit, die wir noch haben, auch nutzen.

Pfrn. Franziska Jordi